Predigt am Reformationstag 2017 über Mt. 10, 26b-33 Dreifaltigkeitskirche Hamburg-Hamm

Liebe Gemeinde,

 

wir sind frei durch Gottes Gnade! Das ist die Botschaft des Glaubens, die mit der Reformation freigelegt wurde. So viel hatte sich darübergelegt im Laufe der Jahrhunderte.

 

Wir sind frei durch Gottes Gnade. Das ist die Botschaft, die seit damals die Welt in einer Weise verändert hat, wie es nicht vorauszusehen war, als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte. Er wollte zu einer akademischen Diskussion unter Gelehrten einladen. Aber was damit dann in Gang gesetzt wurde, ließ sich nicht wieder einfangen und hat das ganze Leben verändert:

Ein neues Verhältnis von Mensch und Kirche, jeder Einzelne auf einmal in die Verantwortung genommen, Bildung und Armenfürsorge wurden staatliche Aufgaben, mit der Bibelübersetzung entstand eine einheitliche deutsche Sprache, das Denken wurde frei, Musik und Kunst und auch die Wirtschaft veränderten sich.

Wir blicken heute auf 500 Jahre zurück. Auch konfessionelle Spaltung und furchtbare Religionskriege gehören dazu, - und der mühsame Weg, Toleranz zu lernen auf unserem Kontinent,  und zu begreifen, wie unterschiedliche Überzeugungen miteinander leben können. In den vergangenen Tagen konnte man noch einmal viel übe die Bedeutung der Reformation lesen.

Und alles begann mit Luthers Entdeckung: Wir sind frei durch Gottes Gnade. Gott ist ein schenkender, kein fordernder und vernichtender.

 

Und da sind wir nun angekommen am Ende dieses Jubiläumsjahres, das mit einem gemeinsamen Gottesdienst von Papst Franziskus mit der lutherischen Weltkirche im schwedischen Lund begann.

Und nicht wenige meinen, es gäbe ja nun wirklich durchaus Wichtigeres in der Welt unserer Tage, als diese alte Geschichte zu feiern, so bedeutend sie auch sein mag. Was soll so ein Rückblick?

Wir erleben doch gerade, wie unsere uns bekannte Welt an so vielen Stellen aus den Fugen gerät. Wir sind konfrontiert mit Tabubrechern in der Politik und einer Verrohung der Sprache und der Sitten, die vor einiger Zeit noch kaum möglich schien. Wir müssen uns auseinandersetzen mit der Digitalisierung unseres Lebens, mit künstlicher Intelligenz und erleben, wie die Kriegsgefahr steigt und man begrenzte Atomschläge wieder ins Auge faßt. Wir spüren, was es bedeutet, wenn in einer globalisierten Welt sich nicht nur unsere Waren und Touristen auf den Weg in den Süden bewegen, sondern Menschen in den Norden kommen und dem glauben, was jahrelang gepredigt wurde: daß die westliche Lebensart die beste ist. Wir sehen, wie Ängste sich breitmachen, wie Kirchturmdenken sich ausbreitet und sichergeglaubte gemeinsame Werte sich auflösen.

 

Und mittendrin stehen wir mit unserer Botschaft: Wir sind frei durch Gottes Gnade!

Das Wort „Gnade“ kennt eigentlich niemand mehr im positiven Sinne. Außerhalb der Kirchenmauern gebraucht man es fast nur noch, um eine unangenehme Haltung von oben herab zu kennzeichnen, oder aber im Zusammenhang von gnadenlos.

Und mitten in dieser Welt ohne Gnade kommen wir auch heute zusammen mit unserer Botschaft der Gnade.

Es ist eine perfekte Zeit, Kirche zu sein, hat der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Martin Junge, gesagt.

 

Es ist genau die Zeit, es von den Dächern zu rufen: die Welt ist nicht gnadenlos! Wir sind nicht ausgeliefert an irgendwelche finsteren Mächte. Die Welt gehört nicht den Kriegstreibern und Tabubrechern, den Angstschürern und Autokraten, Despoten und Egomanen und all den Botschaftern einer Welt ohne Gnade.

 

Die Realität ist nicht gnadenlos, sondern mittendrin ist Gottes Gnade Mensch geworden. Mittendrin ist Gott kraftvoll gegenwärtig. Ein Gott der Liebe, der Barmherzigkeit, einer der einsteht für die Würde jedes Menschen, einer der Achtung hat vor dem Leben – und Achtung lehrt.

 

Das ist unsere Botschaft, liebe Gemeinde, heute und immer wieder. Das hat vor 500 Jahren Menschen aufgerüttelt und bewegt, als sie aufstanden gegen eine Kirche, die v. a. Angst predigte. Und es ist eine Botschaft, die auch heute gebraucht wird.

 

Jesus hat seine Jünger beauftragt, das was er ihnen anvertraut hat, von den Dächern zu rufen. Seine Worte ins Licht zu tragen. Und sich dabei vor nichts und niemandem zu fürchten.

Fürchtet euch nicht! Mit dieser Botschaft im Rücken sendet er sie. Fürchtet euch nicht!

Unser Glaube steht wieder und wieder gegen die Angst vor den Mächten, die eine gnadenlose Welt gestalten. Aber die Realität der Welt ist nicht gnadenlos. Wir, liebe Gemeinde, alle miteinander sind Zeugen der Gnade Gottes. Berufene aus Liebe. Ins Licht Gestellte, Angerührte und Angesprochene. Menschen, denen Gott sagt: Ich sehe dich an. Du bist mein Tempel in der Welt. Mein Heiligtum.

Es ist die perfekte Zeit, Kirche zu sein mit dieser Botschaft!

 

Luther entdeckte den Gott, der ihn freimacht, in der Bibel. Seine größte Angst war: wie kann ich bestehen vor dem heiligen Gott? Ich bin nicht fähig zu tun, was er von mir fordert und kann am Ende nur verlieren. Luther begann, diesen gnadenlosen Gott zu hassen, den die Kirche lehrte. Und dann traf ihn das Wort Gottes: Ich tue etwas für dich! Ich bin ein Liebender, ein Schenkender, ein Befreiender. Und du bist wertvoll und geachtet in meinen Augen!

 

Hier begann die Reformation. Im Wort, das Luther im tiefsten traf und für ihn alles veränderte. Weil er Gottes Wort hörte, wurde er mutig, sich mit Kaiser und Papst anzulegen.

Immer wieder zweifelte er auch, ob es eigentlich sein kann, daß er recht hat gegen die gewaltige Macht der Kirche und die jahrhundertealte Tradition. Kann das sein?

Aber immer wieder war sein Argument: Die Botschaft der Gnade Gottes ist Gottes Wort. Das gilt. Und wenn es gilt, dann wird es sich durchsetzen – und wenn die Welt voll Teufel wär, es sollt uns doch gelingen!

 

Völlig unrealistisch – mit menschlichen Augen betrachtet – , sich anzulegen mit den Mächten, die alles beherrschten. Und doch ging Luther in die Öffentlichkeit und hielt nicht zurück, was ihn im Herzen getroffen hatte und was auch auch eine Botschaft war für all die vielen, die voller Angst lebten.

Und sie wurde gehört, diese Botschaft. Sie verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sie wurde von den Dächern gerufen.

Und die Menschen wurden mutig, denen entgegenzutreten, die sich selbst an die Stelle Gottes setzten, die für sich in Anspruch nahmen, das Heil zu verwalten, die nicht Freiheit predigten, sondern Menschen in Abhängigkeit und Dummheit halten wollten.

Die Geschichte, die daraus entstand, war keine ohne Schuld und ohne Brüche. Alles andere als gradlinig. Und doch war etwas ans Licht gekommen von Gottes Wort für die Welt – und das veränderte. Es verändert noch immer. So wie Gottes Wort immer Menschen verändert, wo es sie trifft.

 

Sola scriptura, allein die Schrift, war eine Erkenntnis der Reformation: Durch die Bibel spricht Gott und sagt, was zu glauben und zu predigen und zu tun ist. Da müssen alle anderen Autoritäten zurückstehen, wie immer sie heißen und wie wichtig und mächtig sie sich auch gebärden mögen. Allein die Schrift. Hieran ist alles zu messen und zu beurteilen.

 

Sola fide, allein durch den Glauben war eine zweite Erkenntnis: Jeder Glaubende ist selbst ein Priester. Es braucht keine Kirche als Mittlerinstanz. Jeder Mensch steht unmittelbar zu Gott und kann sich auf sein in Christus gebundenes Gewissen berufen. Es gilt nicht mehr: Die Kirche sagt. Sondern: Ich glaube.

Und ein drittes: Sola gratia – allein durch die Gnade. Man kann nichts tun, um Gott für sich zu gewinnen. Das Leben ist Geschenk, so schwer es manchmal fällt, das zu begreifen. Gott gibt alles gratis! Was für eine Freiheit, die daraus entsteht!

 

Im Licht und auf den Dächern sollte diese Botschaft mitten in einer gnadenlosen Welt aufklingen. Dafür übersetzte Luther die Bibel und setzte sich die Reformation für Schule und Bildung ein. Jeder sollte das hören und glauben können. Fürchtet euch nicht!

 

Das ist das Wort Jesu, das uns heute für uns mitgegeben wird. Hört nicht auf, von einem Gott zu erzählen, der Menschen freimacht, der sie nicht läßt, der sein Leben einsetzt für jeden einzelnen, der aus dem Himmel kommt, um bei denen zu sein, die er sucht.

Die er sucht, weil er sie so sehr liebt.

 

Eine gnadenlose Welt sieht heute anders aus als damals. Es ist nicht mehr die Kirche, die Menschen bindet. Es sind andere Mächte. Und doch gilt: Wir sind frei durch Gottes Gnade. Niemand hat Anspruch auf unser Leben. Niemand hat Anspruch auf das Leben irgendeines Menschen.

 

Seite für Seite können wir in der Bibel nachlesen, was Gott für die Menschen will. Was er für uns will und die Welt, in der wir leben und Verantwortung tragen.

Wir können lesen von seiner Gnade, von dem Weg Jesus, wie er Menschen annimmt und aufrichtet, wie er sie konfrontiert mit Gott und sie heilt. Wie er liebt und von diesem Weg der Liebe nicht abweicht. Bis hinauf ans Kreuz und hinab in den Tod.

Fürchtet euch nicht, bekennt euch zu mir, fordert Jesus seine Jünger auf. Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich will mich zu euch bekennen, wenn es hart auf hart kommt. Vertraut auf mich, habt keine Angst!

 

Und so sind wir heute hier mit der Botschaft der Gnade. Es ist ein altes Wort. Aber es ist die Botschaft, das die Welt nicht gnadenlos ist, die Botschaft, die jeder Verzweckung und Vermarktung des Lebens radikal widerspricht.

 

Das Wort der Gnade steht gegen alle ungnädigen Selbstoptimierungsversuche. Wir brauchen uns nicht in den Gesundheitshimmel zu quälen oder mit dem Gehaltsstreifen unseren Wert zu beweisen, oder vielleicht auch unsere Kinder zum Sinn unseres Lebens zu machen.

Wir brauchen uns nicht selbst zu retten und uns deshalb auch nicht an Weltretterideologien zu verlieren.

Wir brauchen keine Angst zu haben um unsere Kirche in allen Veränderungen. Denn wo sie lebt aus dem Wort Gottes, da lebt sie. In dieser oder einer anderen Form.

 

Das Wort der Gnade steht auch gegen alles, wo die Freiheit von Menschen angetastet wird. Es erhebt Einspruch dagegen, wenn Menschen verzweckt werden, unterdrückt, mißhandelt, von scheinbar Mächtigen mißbraucht.

Unser Glaube steht radikal dagegen, wenn Menschen das Lebensrecht vorenthalten wird, wenn Kriegsherren Menschen zu Kanonenfutter machen oder ihnen die Heimat rauben. Es ist nicht Gottes Wille, daß die Rohingya in die Flucht getrieben werden, daß Menschen in Syrien oder im Sudan alles verlieren. Daß die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird und sie zum Handelsgut werden auf den Sklavenmärkten unserer Tage oder zum Spielball von Banken und Fonds, oder daß sie zu Sündenböcken gemacht werden, weil sie anders sind.

 

Liebe Gemeinde, Gott vertraut uns in Christus seine Botschaft an. Es ist die Botschaft seiner Gnade. Die Botschaft der Befreiung. Das Evangelium der Liebe Gottes, die jedem Menschen seine Würde schenkt.

 

Die Reformation hat damals diese Botschaft wieder neu entdeckt. Und wir haben Grund, das zu feiern – und haben das in diesem Jahr in unserer Gemeinde auch vielfältig getan. Auf der Gemeindeversammlung nachher ist noch die Rede davon.

Ein Höhepunkt, die Aufführung der h-Moll-Messe, steht noch aus.

 

Aber das zu feiern heißt nicht, sich zu suhlen im Glanz der Vergangenheit. Es heißt, täglich neu das Glück der Freiheit in Gott zu entdecken und zu leben.

Uns ist heute die Botschaft des Lebens anvertraut. Heute ist es unser Auftrag, der Welt zu verkünden, was uns doch geschenkt ist:

Da ist ein Gott, der Gnade lebt mittendrin. Der die Welt anders sieht, als Menschen sie so oft gestalten. Und der die nicht läßt, die der Gnadenlosigkeit ausgeliefert sind.

 

Ich bin der festen Überzeugung, daß es Zeit ist für eine Reformation der Kirche. Daß es Zeit ist, die Brüche der Kirchenspaltung zu überwinden. Daß es Zeit ist zurückzukehren von den ständigen Strukturdebatten, mit denen wir uns seit Jahren beschäftigen und uns so leicht verlieren darin, zu überlegen, wie wir uns als Kirche am besten erhalten können.

Wer weiß schon, was morgen ist?

 

Heute braucht die Welt uns mit unserer Botschaft der Gnade. Mit der Botschaft von der unantastbaren Würde des Menschen. Mit der Botschaft von der Rettung, die längst geschehen ist.

Heute suchen Menschen verzweifelt nach Wasser und Nahrung und Heimat auf der einen Seite – und nach Sinn und Halt auf der anderen.

Nach dem eben, was das Leben braucht.

Und was so vielen fehlt.

 

Gott ist ein gnädiger Gott. Er steht für eine gnadenvolle Welt des Miteinanders.

Er lebt selbst die Gnade in Christus, mitten unter uns, und läßt uns Zeugen sein.

Und das gilt es, von den Dächern zu rufen. An jedem Ort zu erzählen und zu leben, wo immer wir stehen, und wo immer Menschen sich sehnen nach dem, was das Leben braucht.

Ohne Furcht, denn es ist Gottes Wort.

 

Reformation hieß damals: Vertrauen auf die Kraft des Wortes Gottes. Hier beginnt die Reformation.

Laßt uns vertrauen, heute und immer wieder auf die Kraft dieses Wortes. Keine Angst. Jedes unserer Haare ist gezählt von dem, der uns liebt.

Laßt uns vertrauen darauf, daß es wirkt, wenn wir reden und nicht schweigen. Wenn wir nach draußen gehen und uns nicht hinter Mauern verstecken. Wenn wir Menschen die Worte des Lebens sagen.

Wenn wir die Welt gestalten, orientiert an Christus, der Versöhnung lebt, wo Spaltung ist. Der Vergebung lebt, wo Schuld ist. Der Frieden lebt, wo Krieg ist.

 

Christus lebt Gnade und Frieden in uns hinein und überall hin, wo die Welt gnadenlos ist.

Das ist unser Wort.

Und wir sind seine Kirche. Die, die ihn bekennen. Und die diese wunderbare Botschaft haben, die immer wieder neu verändert:

Du darfst sein vor Gott. Frei, angesehen und geliebt.

Gott sei Dank!

Amen

 

Heiliger Abend, 24.12.2017, auf Anregung des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Wittenberg, erarbeitet.

Predigttext: Jesaja 7,10-14

Liebe Leserin, lieber Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Die lutherische Reformation hat nicht nur Sätze ins Bewusstsein gerufen, aus denen wir Menschen die Gewissheit gewinnen können, dass sich Gott trotz aller unserer Ängste, Zweifel und Leiden als einer zeige, der sich uns helfend und bestärkend zuwendet. – Sätze, wie den des Apostels Paulus: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Römer 3,28), bei dem ausschließlich in der deutschen Übersetzung durch Martin Luther das hinzugesetzte „allein“, das im griechischen Original nicht steht (und das meines Wissens auch in keiner anderen Bibel evangelisch-lutherischer Christen begegnet – nicht im Englischen, nicht im Russischen...), unterstreicht, wie wichtig im Blick auf Gott – nicht aber im alltäglichen Leben und in der Kommunikation mit anderen Menschen; da bedarf es schon eigener Leistungen (!) – die Haltung des Empfangens und Vertrauens, die Haltung des Verzichts auf selbst Erarbeitetes und auf Leistung ist.

 

Die lutherische Reformation hat auch Bilder – Zeichnungen, Radierungen, Stiche, Aquarelle, Ölgemälde – entwickelt, die ihre geistlichen Erkenntnisse darstellerisch zum Ausdruck bringen. Entscheidend ist dabei der Bildtyp „Gesetz und Evangelium“, „Gesetz und Gnade“, der gar nicht unbedingt für Analphabeten bestimmt war, gehörten doch Texttafeln und Bibelzitate integrativ zu ihm hinzu. Hier steht nicht das Bild an Stelle des Textes, sondern Bild und Text ergänzen einander:

 

In der Mitte steht ein Baum, dessen nach links gerichteten Zweige ohne Blätter, wie tot sind. Seine nach rechts gerichteten Zweige grünen dagegen. Links ist das Feld des „Gesetzes“ zum Beispiel mit der Szene der Gabe der „Thora“ an Mose auf dem Sinai, mit der Sündenfallgeschichte, mit einer Andeutung der Hölle, in die die Menschheit getrieben wird. Ich unterlasse es einmal, zu hinterfragen, ob damit die Größe „Gesetz“, „Thora“, eigentlich „Weisung“, hinreichend erfasst ist, sondern referiere diese Darstellung jetzt nur. Rechts ist das Feld der „Gnade“ mit der Darstellung der Kreuzigung Christi, mit dem Symbol des „Lammes“ für Christus und mit einer Darstellung der Auferstehung Christi. Auf diese bildhaften Symbole der zentralen Inhalte des christlichen Glaubens weist Johannes der Täufer einen meist unbekleideten Mann hin, Symbol für uns Menschen alle, der unter dem Baum in der Mitte sitzt: In diese Richtung, vom Betrachtenden aus nach rechts, für den dort sitzenden Mann nach links, führe der Weg zum (ewigen) Leben.

Der frühere Bibliothekar in Wolfenbüttel, Heimo Reinitzer, hat vor elf Jahren ein zweibändiges Standardwerk zu dieser Reformationsbildtradition veröffentlicht: „Gesetz und Evangelium“.1 Er führt als ältestes Exemplar dieser Bildtradition einen Kupferstich schon aus den Jahren

1523/24 (!) an, der sich jetzt in der Nationalbibliothek in Paris befindet.2 Schon bei dieser ersten, anonymen Verwirklichung dieses Bildtyps kniet auf der Seite der „Gnade“ – dort mit „LA GRACE“ bezeichnet – eine Frau mit betend oder empfangend erhobenen Händen. Auf sie fliegt aus dem Himmel ein Junge zu, der ein Kreuz trägt. Beide Gestalten – die Frau und der Junge – sind jeweils mit einem Heiligenschein ausgezeichnet. Über dem Jungen ist eine Inschrift-Tafel mit den Worten „EMMANUEL DIEV AVEC NOVS“ – „Immanuel, Gott mit uns“ dargestellt. Heimo Reinitzer schreibt dazu, „daß Gott im Evangelium etwas schenkt, das sich durch den uns geschenkten und von uns angenommenen Glauben, also nicht ohne unsere Hingabe, erfüllt“, 3 womit er in ganz großartiger Weise die Spannung von Aktivität und Passivität zusammenbringt: Wenn ich zu glauben versuche, dann versuche ich, mich vertrauend an die mich treffende Zusage Gottes hinzugeben und mich auf sie zu verlassen.

 

Diese Einsicht, liebe Schwestern und Brüder, dass wir den geschenkten Glauben mit Hingabe annehmen, liefert auch den Schlüssel zum Verstehen der alttestamentlichen Quellenszene für diese Frauengestalt auf den Bildern von „Gesetz und Gnade“. Die Frauengestalt auf diesen Bildern ist eigentlich das Ergebnis der Verbindung von mindestens zwei Frauen – von der jüngeren Vergangenheit her in die weitere Vergangenheit zurückgeschaut: von Maria, der Mutter des Jesus von Nazareth, und von der namenlosen Frau im alttestamentlichen Prophetenbuch. Dieser Weg zurück in den „Brunnen der Vergangenheit“ – um einen Begriff von Thomas Mann zu assoziieren – kann hier nur beispielhaft illustriert werden:

 

Natürlich ist die erste, die oberste Fundstelle der Silberader in der Brunnenwand die Rede des Engels zu Josef über seine Frau Maria: „Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. [...] auf das erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben« [...]“, belegt im Matthäusevangelium (1,21-23) vom Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus. Selbstverständlich verstehen wir den Edelmateallanteil in dieser Erzader erst, wenn wir uns das hebräische Original für „Jesus“ bewusst machen: „Jehoschucah“ – „Jahwe / Gott rettet“!

 

Im oberen Bereich des Brunnens also, lange, bevor wir die eigentliche Quelle erreichen werden, sind wir bei Weihnachten, bei unserem heutigen Fest: Jesus ist geboren – vielleicht im Jahr 4 vor Christus –, und mit ihm und in seiner Gestalt ist das rettende Handeln Gottes da, an unserer Seite, in unserem Rücken, vor uns, uns führend. Das ist es doch, was wir Weihnachten feiern, genauer: was wir uns besonders zu Weihnachten bewusst machen – wir könnten uns das jeden Tag des Jahres bewusst machen. Aber ein solches Fest mit seinen wunderbaren Traditionen bringt uns diese so erstaunliche Wahrheit unvergleichlich nahe: „Immanu-El“ – „Mit uns Gott“.

 

Bewusst denke ich jetzt an alle, die nicht im trauten Familienkreis mit Weihnachtsbaum, Geschenken, gutem Essen, Kerzenlicht und Weihnachtsmusik feiern können. Ich denke an diejenigen, denen diese Idylle durch Streit und gegenseitige Verletzungen zerstört ist, an diejenigen,

die heute Abend für andere im Verkehrswesen, in Krankenhäusern, vielleicht auch in Gaststätten, in der Pflege, auf Polizeistationen, in Haftanstalten arbeiten, an diejenigen, die in Notunterkünften oder Obdachlosenhäusern Unterkunft finden und an diejenigen, die sich dort im Einsatz befinden, an diejenigen, die mehrere Gottesdienste und Feiertermine wahrnehmen müssen und die Wahrheit von Weihnachten weiterzusagen versuchen. Ihnen allen gilt, Ihnen besonders gilt – wenn sie sich diesem christlichen Glauben hingeben –: „Mit uns Gott“ – „Immanu-El“. Wo dies geahnt wird, da wird Weihnachten, Möge Ihnen – liebe Leserin, lieber Leser – dies gelingen. Das ist mein Wunsch für Sie!

 

Eine Gestaltung des reformatorischen Bildes in Form eines Holzreliefs ist in der Ausstellung zur deutschen Geschichte im Historischen Museum von Berlin zu sehen. Ich dokumentiere einen Ausschnitt, der die Szene erkennen lässt, um die es uns geht:

(Fotografiert am 22.02.2017: Ausschnitt des Mittelteils.)

 

Diese Arbeit von Peter Dell dem Älteren aus der Zeit um 1540/41 ist dem traditionellen Bildtyp verpflichtet: Die linke Seite des Baumes ist dürr, die recht grün. Links sind die Errichtung der ehernen Schlange und Mose mit den Gesetzestafeln sowie Adam und Eva zu sehen. Vor dem Baum sitzt der nackte Mann, der uns Menschen alle verkörpert. Ihn beraten der alttestamentliche Prophet Jesaja, der auf die Frau im Hintergrund rechts vom Kreuz hinweist, die ihre Arme einem aus den Wolken kommenden Jungen, Neugeborenen, zustreckt, und Johannes der Täufer, der auf den Gekreuzigten hinweist. Dieser ist zum Sinnbild des Heils geworden, weil er ganz rechts als Auferstandener gegenwärtig ist und unter dem Kreuz als Lamm verkörpert wird. Unter der Szene sind kleine Medaillons mit Kurzhinweisen auf  entscheidende Bibelstellen herausgearbeitet. Zum Beispiel: „PROFET ESAI 7“ – also: „Prophet: Jesaja 7,14“, unsere Bibelstelle! 4

 

Gestatten Sie noch einen kurzen Abschluss. Vielleicht ahnen Sie es die ganze Zeit: Unseren Predigttext – Jesaja 7,10-14 – habe ich noch gar nicht gepredigt. Bis zu ihm bin ich noch überhaupt nicht vorgedrungen:

 

Als im oberen Bereich des Brunnenschachts die Silberader des Textes Matthäus 1 aufleuchtete, haben wir eine noch weiter nach unten führende Silberader entdeckt: Greifbar wurde sie im Zitat aus dem Propheten: „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein [...].“ Aber damit sind wir noch nicht im Buch des Propheten Jesaja. Wir sind erst beim Ergebnis des Übersetzungsvorgangs dieses Buches in die griechische Sprache um das Jahr 140 vor Christus angekommen. Damals haben die jüdischen Übersetzer bewusst eine Begrifflichkeit eingetragen, die auf „Jungfrau“ hinweist. Sie haben damit die Hoffnung in Jesaja 7 in eine wunderhafte Endzeit transportiert, in der Heil und Wohl für alle geschehen werden.

 

Diese Sicht der Dinge ist auch schon im hebräischen Wortlaut von Jesaja 7 angelegt – dort verwirklicht durch den hinzugesetzten Vers 15, der gar nicht mehr zum Predigtwort gehört: „Butter und Honig wird er essen, bis er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen.“ Damit wird der erwartete Sohn zu einer endzeitlichen Gestalt.

 

Das eigentliche hebräische Original scheint aber noch viel tiefer durch – vielleicht sogar verbunden mit Erinnerungen an ein Geschehen zwischen dem historischen Jesaja und seinem zeitgenössischen König Ahas im Jahr 734 vor Christus:

 

„Und der Herr redete abermals zu Ahas und sprach: »Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe!« Aber Ahas sprach: »Ich will’s nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche.«

Da sprach Jesaja: »Wohlan, so hört, ihr vom Hause Davids: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, die junge, gebärfähige Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanu-El / Mit uns Gott«“ (Jesaja 7,10-14). 5

 

Hier nun ist eine junge Frau im gebärfähigen Alter gemeint, die erstmals schwanger ist und ihrer ersten Geburt entgegensieht – aller Wahrscheinlichkeit nach eine der Frauen im Harem des Königs. Der Name des zu erwartenden Sohnes – „Immanu-El / Mit uns Gott“ – verkündet dem König konkrete Hoffnung: In seiner politisch und militärisch schwierigen Situation wird Gott mit ihm, mit dem Hof, mit Jerusalem, mit dem ganzen kleinen Land Juda sein. 6

 

Aber: Kann man von daher im Jahr 2017 nach Christus etwas predigen? Ich denke, nicht. Von woher man aber predigen kann, das ist die Wirkungsgeschichte dieses Textes. Das sind die facettenreichen Blätter, in denen er entfaltet wurde – entfaltet von vom Geist Gottes geführten Männern und Frauen:

 

Vielleicht schon von den jüdischen Theologen her, die den Vers 15 in den späteren Bibeltext eingetragen haben.

Auf alle Fälle von den jüdischen Übersetzern des hebräischen Textes ins Griechische im 2. Jahrhundert vor Christus her. Sie haben den eigentlichen Grundstein gelegt!

Dann von Matthäus her, der dieses Wort nutzt, um Jesus aus Nazareth als den Retter seines Volkes zu verstehen. Er weist auf das, was bei uns Weihnachten Thema ist.

Schließlich von Martin Luther und seinen Kollegen her, von dem anonymen Künstler aus den Jahren 1523/24 her und von Peter Dell aus den Jahren 1540/41 her: Sie haben uns in Wort und Bild die Anregung zur christlichen Deutung gegeben.

Alle diese stehen in dem tiefen Brunnenschacht aufeinander – bis kurz vor unserer Zeit. Auf ihre Schultern habe ich mich gestellt und kann von ihnen allen her sagen – nun einen weiteren Zeugen dieser großen Wahrheit aufnehmend –: „Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr [...]“ (Lukas 2,11).

Amen.

[1]   Heimo Reinitzer: Gesetz und Evangelium. Über ein reformatorisches Bildthema, seine Tradition, Funktion und Wirkungsgeschichte, 2 Bände, Hamburg 2006.

[2]   A.a.O., Band 2, S. 51.

[3]   A.a.O., Band 1, S. 25; die Kursivsetzung ist von mir.

[4]   Vgl. auch Heimo Reinitzer, a.a.O., Band I, S. 314-315, und Band II, S. 103.

[5]   Im Unterschied zur hier dokumentierten Übersetzung der „Lutherbibel revidiert 2017“ gebe ich die korrekte Formulierung im Hebräischen: den Fachbegriff „cAlmah“ mit Artikel! Es ist also von einer bestimmten Frau die Rede, die der König kennt! Außerdem gebe ich den Begriff „Immanuel“ so, dass das Wort für „Gott“ = „El“ genau erkennbar ist.

[6]   Vgl. zur Gesamtproblematik: Rainer Stahl: »Immanuel« – Gott mit uns?, Mitteilungen und Beiträge, Forschungsstelle Judentum, Leipzig 1994, S. 19-36.

 

Für den 4. Sonntag nach Epiphanias haben wir die Predigt unseres Generalsekretärs i.R. Dr. Rainer Stahl 29.01.2017

Predigttext: Matthäus 14,22-33

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vor dem Bericht unseres Predigttextes war die Speisung der 5.000! Also: Eine große Erfolgsgeschichte bildet seinen Hintergrund! Aber der Erfolg soll nicht ausgekostet werden. Deshalb gibt es jetzt diesen Ortswechsel. Deshalb geht jetzt diese Fahrt „ans andere Ufer“ des Sees Genezareth. „Ans andere Ufer“ – Wohin geht die Bootsfahrt?

 

Wir müssen noch etwas weiter zurückschauen: Jesus hatte den Machtbereich von Herodes Antipas verlassen, weil dieser hatte Johannes den Täufer hinrichten lassen (Mat 14,1-12). Er war also aus Galiläa weg an das Ostufer des Sees gewechselt. Da gab es die Städte Gamla, Hippos, Gadara... Von dort waren die Menschen „aus den Städten“ zu Jesus gezogen (Mat 14,13).

 

Um ihrer Versorgung willen war das Speisungswunder gewirkt worden – die genannte Erfolgsgeschichte (Mat 14,15-21). Jetzt also führt die Bootsfahrt „ans andere Ufer“ wieder nach Westen, wieder in den Machtbereich des Herodes Antipas zurück (Mat 14,22).

 

Nach unserem Predigttext mündet das Kapitel 14 des Matthäusevangeliums in Heilungshandlungen an einem Ort namens Genezareth oder auch Gennesar (Mat 14,34-36). Heutzutage gibt es am Westufer des Sees den Kibbuz Ginnosar, nördlich von Tiberias. Dort können wir uns jene Heilungen vorstellen.

 

Auf dem Weg dorthin wird unsere Geschichte verortet. Bei meiner Fahrt auf dem See Genezareth im November letzten Jahres hat unsere Reiseleiterin auch an unsere Geschichte erinnert. Diese müssen wir uns jetzt genauer ansehen. Und dazu dürft Ihr das Gottesdienstblatt mit zu Rate ziehen:

 

Sie hat vier Szenen:

 

In der ersten Szene werden die Jünger auf den See geschickt, werden die vielen Menschen in ihre Städte entlassen, und zieht sich er, der Haupthandelnde, in die Einsamkeit zurück (Mat 14,22-23). Bei der Evangeliumslesung haben wir alle gehört: „Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen...“ (V. 22). Aber im griechischen Text, der – so finde ich - eigentlich allein maßgeblich ist, wird das Wort „Jesus“ nicht erwähnt. Das Subjekt des Befehls bleibt wie verborgen.

 

In der zweiten Szene kommt das Boot der Jünger in Seenot. Und in der 4. Nachtwache, also ab 3.00 Uhr nachts, kommt er, der Haupthandelnde, über das Wasser zum Boot (Mat 14,24-27). Wir haben gehört. „Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen...“ (V. 25). Aber im griechischen Text wird das Wort „Jesus“ nicht erwähnt. Und wir haben gehört: „Aber sogleich redete Jesus mit ihnen...“ (V. 27). Aber im griechischen Text ist das Wort „Jesus“ sehr unsicher, eigentlich gar nicht bezeugt. Der hier aktiv Handelnde bleibt wie verborgen.

 

In der dritten Szene macht sich Petrus auf, auf Jesus zuzugehen (Mat 14,28-31). Jetzt wird auch im griechischen Text zweimal das Wort „Jesus“ erwähnt. So haben wir richtig gehört: „Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. [...] Jesus aber streckte sogleich die Hand aus...“ (V. 29.31). Auf dem Weg zu ihm hin, dem Haupthandelnden, wird er eindeutig benannt. Und das Wesen dieses Jesus wird mit dieser Szene unmissverständlich angesprochen: Er ist der Retter, wie schon vor seiner Geburt sein Name als Hinweis auf sein rettendes Handeln festgelegt worden war: „Jesus“ = „Der Herr wird retten“ / „Gott wird retten“ (Mat 1,21)!

 

In der vierten Szene steigen Jesus und Petrus in das Boot (Mat 14,32-33). Von ihnen wird im Griechischen und im Deutschen nur durch die Mehrzahlform des Tätigkeitsworts gesprochen: „Und sie stiegen in das Bott und der Wind legte sich“ (V. 32). Die anderen aber, die Jünger, bekennen ihren Glauben an Jesus: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ Das heißt: „Durch dich erleben wir wirklich die Nähe und Hilfe Gottes!“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Darum geht es in unserer Geschichte: Sie verkündigt uns, dass wir Gottes Nähe erleben können! Sie verkündigt uns, dass Christus in Gefahren helfen wird! Sie verkündigt uns, dass Gott rettet!

 

Dazu müssen wir die Geschichte aus ihrem erzählerischen Zusammenhang lösen. Wir hatten uns am Anfang so viel Mühe gegeben, die Zusammenhänge im Matthäusevangelium zu verstehen. Und wenn wir nach Israel reisen und auf dem See Genezareth Boot fahren, dürfen wir uns daran erinnern. Aber dabei darf es nicht bleiben. Dann würden wir diese Geschichte in ein historisches, in ein geschichtliches Gefängnis stecken. Ihre eigentliche Bedeutung gilt aber uns. – Genauer gesagt: Jeder neuen Generation der Kirche. Genau deshalb hatte ja Matthäus diese Geschichte in seinem Evangelium erzählt, weil er sie für die Christen seiner Zeit des ausgehenden 1. Jahrhunderts für wichtig hielt. Und deshalb ist sie auch jetzt für uns wichtig – Ende Januar 2017!

 

Eine Frage als Einstieg in unser Nachdenken: Warum wird von Jesus so verhalten berichtet? Warum wird er im Text kaum direkt genannt?

 

Weil das Erlebnis seiner Nähe immer ein großes Wunder ist! Weil viele nichts von ihm merken. Weil er vor allem verborgen auf uns zukommt – geheimnisvoll, jedenfalls nicht neutral eindeutig zu benennen.

 

Erst, als sich Petrus über das Wasser zu ihm auf den Weg macht, wird Jesus eindeutig benannt. Warum ist das erst dann möglich? Weil Petrus als Glaubender zu Christus geht – und wenn der Glaube auch noch so klein ist! Für uns als Glaubende ist er uns nahe und ist er eindeutig Christus.

 

Schlüssel ist unser Glaube. Wenn wir in unserem Leben mit den Augen des Glaubens nach Christus suchen, dann werden wir ihn finden. Dann werden wir erleben, dass er nach uns greift und uns rettet.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Heute vor 518 Jahren, im Jahr 1499, wurde Katharina von Bora geboren. Ihr Geburtstag weist uns auf das Reformationsgeschehen. Ich weiß nicht recht, ob sie für uns ein Vorbild sein kann. Sie hat die geschäftliche Seite des Lebens Luthers gut gemeistert. Sie war ihren Kindern eine gute Mutter. Aber sie hat Luther auch in seiner Ablehnung der Juden, in seiner Furcht vor den Juden, bestärkt. Sie war – so glaube ich verstanden zu haben – sehr von Judenfurcht geprägt. Ob man also mit der Änderung des Straßennamens von „Meiserstraße“ in „Katharina-von-Bora-Straße“ in München, an der unser Landeskirchenamt steht, wirklich restlos glücklich gehandelt hat, ist mir nicht wirklich klar. – Aber das nur am Rande...

 

Ich verbinde mit Katharina Luther ein besonderes Erlebnis: Vor mehreren Jahren hatten mich die „Lutheriden“ eingeladen, über die Arbeit des Martin-Luther-Bundes zu berichten. Die „Lutheriden“ sind die Gemeinschaft derer, die mit Luther verwandt sind, also der große Kreis seiner Nachkommen. Jenes Treffen damals war in Torgau. Nie vergesse ich, wie die Gemeinschaft voller Hochachtung und Verehrung in der Stadtkirche vor dem Grabmal ihrer Stammmutter stand und Gott für ihr Wirken dankte!

 

In der Beerdigungsansprache im Dezember 1552 – Katharina Luther ist nur 53 Jahre alt geworden! – hatte Philipp Melanchthon ausgeführt: „In der ganzen Zeit ihrer Krankheit hat sie sich mit dem Worte Gottes getröstet und aufgerichtet und sich mit den heißesten Gebeten einen friedvollen Ausgang aus diesem kummervollen Leben gewünscht, oft auch die Kirche und ihre Kinder Gott befohlen und gefleht, daß die reine Lehre, die der Herr durch ihres Mannes Stimme diesem letzten Zeitalter wiedergegeben habe, unverfälscht auf die Nachkommen vererbt werden möge“

(aus: Hans-Christoph Sens: Neuanfang und Lebensende. Was Katharina von Bora, die spätere Frau Luthers, mit Torgau verbindet, in: Orte der Reformation. Torgau, Leipzig 2014, S. 51).

 

Dieses Ideal gilt auch uns – dass wir im Vertrauen auf Gott stark bleiben, uns nicht verlieren an die vielen Wichtigkeiten unseres Lebens, sondern – um es mit Worten von Elisabeth Cruciger zu sagen, der Frau, der wir ein Lied aus der Reformationszeit verdanken – „dass wir am Glauben bleiben, dir [Herr Christ] dienen im Geist so, dass wir hier mögen schmecken dein Süßigkeit im Herzen“ (EG 67,3).

Amen.

Für den 4. Adventssonntag haben wir die Predigt unseres Generalsekretärs i.R. Dr. Rainer Stahl erhalten mit einem adventlichen Gruß nach Hamburg 18.12.2016

Text: Lukas 1,26-33,38

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!“

 

Liebe Leserin und lieber Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In diesem Jahr bin ich nach langer Zeit wieder einmal in Israel gewesen. In Nazareth hat unsere Gruppe natürlich die beiden Verkündigungskirchen besucht – zuerst die orthodoxe über einer Quelle, dann die große römisch-katholische über einer Wohnhöhle. Unsere israelische Reiseleiterin hat uns darauf hingewiesen, dass andere christliche Traditionen noch andere alte Wohnhöhlen zeigen, die das Zuhause von Josef und Maria gewesen sein könnten. Nazareth war ja zur Zeit des Herodes des Großen eine ganz kleine Dorfsiedlung um die dortige Quelle herum, in der natürliche Höhlen als Lagerräume, Stallungen, als Mikwa’oth – als Tauchbäder –, aber auch als Wohnstätten genutzt wurden. Die tatsächliche Lokalisierung der Verkündigungsgeschichte ist also ganz unsicher, weshalb es viele Traditionen gibt. Die einzige Brücke sind ganz alte, frühchristliche Traditionen. Hinzu kommt, dass die orthodoxe Lokalisierung etwas mit einer außerbiblischen Überlieferung zu tun hat – nämlich mit dem Protevangelium des Jakobus. Dort heißt es im Kapitel 11:

„Eines Tages ging Maria mit einem Krug hinaus, um Wasser zu schöpfen. Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sagte: »Sei gegrüßt! Gott ist dir gnädig, der Herr ist mit dir. Auf dir liegt Gottes Segen mehr als auf allen anderen Frauen.« Sie blickte nach rechts und nach links, konnte aber nicht sehen, woher die Stimme kam. Zitternd ging sie ins Haus zurück“ (Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfurt/Main, Leipzig, 5. Auflage, 2001, S. 1326).

 

In diesem Evangelium, das wohl aus dem Jahr 160 nach Christus stammt, wird eine Erstbegegnung mit einem Engel an einem Brunnen berichtet, die eigentliche Verkündigung aber dann in Marias und Josefs Haus:

„Da stand plötzlich der Engel des Herrn vor ihr und sagte: »Hab keine Angst, Maria, Gott hat dich gnädig auserwählt. Du wirst schwanger werden durch sein Wort.« [...]“ (Ebenda).

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Indem ich diese Überlieferungen zur Kenntnis nehme – die neutestamentliche im Lukasevangelium, die des Evangeliums des Jakobus und die Versuche von verschiedenen Lokalisierungen in Nazareth –, wird mir bewusst, dass die Auswahl unseres Predigttextes für den 4. Advent äußerst überraschend ist. Wer davon ausgeht, dass hier tatsächliches Geschehen abgebildet wird, kann doch diesen Text nicht sechs bis sieben Tage vor der Geburt Jesu lesen! Das Fest der Verkündigung an Maria – dessen in unseren evangelischen Kreisen kaum gedacht wird – ist ja auch im Frühjahr terminiert:

 

In der römisch-katholischen Kirche ist es der 25. März oder, falls die Karwoche und das Osterfest auf diesen Termin fallen, ein Termin danach. In den orthodoxen Kirchen ist es zum Teil ein feststehender Termin, der auch mit den Liturgien der Karwoche oder des Osterfestes verbunden werden kann, oder es wird in ähnlicher Weise wie in der Westkirche von der Karwoche und Ostern abgerückt (vgl. Wikipedia-Artikel „Verkündigung des Herrn“, Zugriff am 6.12.2016).

 

Aber vielleicht ist es doch gerade richtig, sich dieser biblischen Überlieferung am 4. Advent zu stellen?! Dann wird nämlich deutlich, dass wir sie nicht im Sinne eines möglichen historischen, eines geschichtlich-tatsächlichen Sachverhalts zur Kenntnis nehmen und uns im Gestrüpp der verschiedenen Positionen verheddern. Sondern, dass wir ihre eigentliche theologische, ja: christologische Aussage entdecken und uns ihrem Predigtgehalt aussetzen!

 

Für mich liegt diese eigentliche Aussage in Vers 33, der nämlich über das Wesen des angekündigten Sohnes, des Jesus, eine Aussage macht, der also eine christologische Aussage macht:

„[...] und er wird über das Haus Jakob für Äonen als König herrschen,

und seine Königsherrschaft wird kein Ende / kein Ziel haben.“

 

Mit dieser Proklamation – liebe Schwestern und Brüder – wird eine große, eine immense Hoffnung zum Ausdruck gebracht:

 

Erst einmal für Israel, für die jüdische Gemeinschaft – wirklich für sie (!) – wird die Herrschaft dieses Christus angekündigt. Sie wird als Einlösung aller jüdischen Hoffnungen der damaligen Zeit verstanden. Das bringt die Bezeichnung der von diesem König beherrschten Gemeinschaft zum Ausdruck, dem „Haus Jakob“, und dies bringt die Bildrede zum Ausdruck, dass „ihm der Thron seines Vaters David gegeben werde“ (Vers 32). Diesem Aspekt der hier benannten Hoffnung kann ich nicht allein nachgehen. Hierzu müsste ich Gesprächspartner aus dem Judentum gewinnen und sie am Nachdenken über diese Hoffnung mit beteiligen. Und ich müsste mich dann deren Gedanken und Einsichten auch wirklich aussetzen!

 

Weil ich diese Predigt bei mir zu Hause am Schreibtisch erarbeite, will ich einen anderen Weg wählen. Ich will ganz innerchristlich, noch genauer: ganz innerevangelisch, noch spezifischer: nur innerhalb des Lukasevangeliums nachfragen. Wird diese große Hoffnung aufgenommen und vielleicht als erfüllt angesprochen werden?

 

Um es zu wiederholen: Dabei lege ich mir eine bewusste Beschränkung auf: Nicht im Neuen Testament allgemein, sondern nur im Lukasevangelium will ich nach Anklängen suchen! Ich halte nämlich, je älter ich werde, das harmonisierende Verbinden unterschiedlicher Zeugnisse über Jesus in den verschiedenen Evangelien eigentlich für nicht wirklich korrekt. Wir sollten aushalten lernen, worauf ein Evangelist das Gewicht legt und was er eben nicht berichtet. Und wir sollten aushalten lernen, was die anderen Evangelien anders und anderes berichten. Und wir sollten nicht vorschnell zwischen diesen unterschiedlichen Bildern harmonisieren. Dieser Gedanke aber nur nebenbei.

 

Im Lukasevangelium fallen nun zwei Anklänge an das große Thema des Anfangs auf:

 

Während des Einzugs Jesu in Jerusalem rufen die Massen an den Straßenrändern: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn“ (Luk 19,38). Die Menschen Jerusalems und die Pilger zum Tempel sind es, die Jesus aus Nazareth als König anreden. Durch sie wird  die große Hoffnung, die der Engel ganz im persönlichen Gespräch nur mit Maria eröffnet hatte, nun öffentlich zur Sprache gebracht. Das ist also ein Hinweis darauf, dass sein Herrschen in Israel, im „Haus Jakob“, beginnen könnte.

 

Am Kreuz, an dem Jesus zu Tode gequält wird, wird von den römischen Vollstreckern eine Tafel angebracht mit der Aufschrift: „Dies ist der Juden König“ (Luk 23,38). Damit endet die Herrschaft, bevor sie begonnen hat. Die ausländischen Mörder – obwohl sie selber natürlich mit verhöhnender und mit rechtfertigender Absicht geschrieben haben, denn dieser Satz nennt die Begründung für das Todesurteil – bezeugen also diese Herrschaft angesichts ihres absoluten Gegenteils!

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Damit begreifen wir, dass das eigentliche Schwergewicht in unserem Predigtwort auf den Satzteilen „für Äonen“ und „kein Ende / kein Ziel“ liegt.

 

Diese Herrschaft gilt für unsere Zeit nur geheimnisvoll, nur umstritten, nur dem Widerspruch ausgesetzt. So habe ich in der früheren DDR-Zeit immer mit besonderem Bewusstsein die 3. Strophe von „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ gesungen:

„O wohl dem Land, o wohl der Stadt,

so diesen König bei sich hat [...].“

Denn ich habe dabei an meine Heimatstadt Meiningen im Bezirk Suhl der von der Sozialistischen Einheitspartei regierten Deutschen Demokratischen Republik gedacht. Auch für sie galt diese Herrschaft! Aber eben nur ganz verborgen!

 

Nur einmal hat es ein direktes Gespräch zwischen Martin Luther und Rabbinern gegeben – wohl 1525 oder 1526 in Wittenberg. Einer der jüdischen Gesprächspartner soll sich während des Gesprächs Luther gegenüber gewundert haben, was dieser „immer mit dem Gehenkten habe“. Er hat also gar nicht verstehen können, dass ein Gekreuzigter als der Messias, in griechischer Sprache: als der Christus, verehrt wird.

 

Der führende Göttinger Lutherforscher Thomas Kaufmann hat zu diesem Gespräch unterstrichen: „Diese Begegnung, die Luther offenkundig sehr aufgewühlt hat und die seine exegetisch gewonnene Überzeugung, daß die Juden in ihrer Verstocktheit unablässig Christus lästerten, bestätigte [...], scheint maßgeblich mit dafür verantwortlich gewesen zu sein, daß Luther unversöhnlich scharf über die Juden zu urteilen begann [...]“ (Luthers „Judenschriften“. Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung, Tübingen 2011, 157f).

 

Hier möchte ich der aggressiven Reaktion seitens Luthers widersprechen. Wir als Christen in unserer irdischen Wirklichkeit und Zeit müssen mit solchen Widerreden, solchen Ablehnungen und Reserven leben lernen. Wir dürfen sie nicht als Verstocktheit oder als Lästerung Christi verstehen, sondern als Ausdruck eben anderer Glaubensentscheidungen. Denn: Nüchterne Beweise für unseren Glauben, dass der Gekreuzigte „als König herrscht“, gibt es nicht.

 

Zugleich aber können wir hoffen, können wir glauben, dass Christus geheimnisvoll über unsere Welt herrscht. Und dass jenseits unserer Welt und Zeit die Herrschaft des Christus für alle wahrnehmbar werden und heilsam (!) erlebbar werden wird. Daran zu glauben und darauf zu hoffen, bestärkt uns der 4. Advent im Jahr 2016! Aber nur im Sinne von Hoffen und Glauben. Nicht anders.

 

Ich darf, liebe Schwestern und Brüder, einen wichtigen Satz des Apostels Paulus auf diese Wahrheit anwenden: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1. Korinther 13,13). Die Wahrheit des Christentums können wir nur durch Glauben und Hoffen „greifen“. Aber, was wir heute leisten können, das geschieht durch unser Lieben, geschieht dadurch dass wir gerade auch diejenigen lieben, die sich mit Blick auf Hoffen und Glauben anders entscheiden als wir!

Amen.

 

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus, unserem Herrn!“

Für den 2. Adventssonntag haben wir die Predigt unseres Generalsekretärs i.R. Dr. Rainer Stahl erhalten mit einem adventlichen Gruß nach Hamburg 4.12.2016, Johanneskirche in Erlangen

Text: Mt 24,1-14    

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vor vielen Jahren habe ich einen Vortrag eines schwedischen Physikers erlebt. Natürlich kann ich mich weder an das Thema noch an die Sachaussagen erinnern. Aber eine Szene, die er erzählt hat, ist mir im Gedächtnis geblieben:

 

In der nachfolgenden Diskussion bei einem anderen Vortrag habe sich eine etwa 70-jährige Dame gemeldet und gefragt: „Herr Professor! Ich habe das nicht richtig verstanden: Scheint unsere Sonne noch 6 Millionen Jahre oder noch 6 Milliarden Jahre?“

Er habe ihr antworten können: „Noch 6 Milliarden Jahre, gnädige Frau!“

Sie darauf: „Gott sei Dank!“

 

Aus einer Fernsehsendung und aus dem entsprechenden Wikipedia-Artikel habe ich gelernt, dass sich dann unsere Sonne zu einem so genannten „Roten Riesen“ bis über die Umlaufbahnen von Merkur und Venus aufgebläht und diese Planeten vernichtet haben wird. Von der Erde aus gesehen, wird die Sonne dann einen großen Teil des Himmels einnehmen. Die Erdkruste wird zu einem einzigen Lava-Ozean aufgeschmolzen. Aber schon viel früher wird alles Leben verdurstet, vertrocknet und verbrannt sein, wird alles Wasser verdunstet sein.

Aber ein Ende des Kosmos wird das nicht sein! Andere Sonnen werden mit ihren Planetensystemen weiterbestehen. Der Kosmos, den Gott geschaffen hat, wird weiterbestehen. Nur eben ohne Leben auf unserer Erde!

 

Wie ist das nachzuempfinden? Wie ist vor diesem unvorstellbaren Horizont ein Ende der Menschheits- und Erdgeschichte zu denken? Aber ein solches Ende von Menschheits- und Erdgeschichte wird doch in unserem Predigttext angedeutet? Wie können wir damit umgehen? Was kann ich in diesem Zusammenhang heute, am 2. Advent des Jahres 2016, predigen?

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Bei der Lektüre unseres Abschnitts aus dem Matthäusevangelium ist mir etwas ganz Wichtiges aufgegangen: Hier wird Wissen von Gott, Ahnung von Gott in den menschlichen Möglichkeiten des 1. Jahrhunderts angedeutet. Es reden Menschen zu uns. Zuerst der Mensch Matthäus, der Evangelist. Dann aber auch der Mensch Jesus, über den unsere Glaubensbekenntnisse bekennen: „geboren von der Jungfrau Maria“, „und ist Mensch geworden“. Jesus redet hier in unserem Bibelwort von seinen menschlichen Möglichkeiten im Jahr 30 her! Dieser Einsicht müssen wir uns mutig öffnen.

 

Zuerst: „Nicht bleibt ein Stein auf dem anderen, der nicht zerbrochen werde“ (Vers 2): Das kann man als Hinweis auf die Zerstörung des Tempels 40 Jahre später, im Jahr 70 verstehen. Aber, das war ein innergeschichtlicher Vorgang, und die Geschichte dieser steinernen Plattform ist weitergegangen und wird weitergehen. Den Juden ist es nicht mehr gelungen, dort einen Tempel neu zu errichten. Jetzt steht dort das wunderbare islamische Heiligtum, der Schrein, den wir merkwürdigerweise „Felsendom“ nennen. Also: Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer hat kein Ende der Geschichte und kein Ende der Welt gebracht.

 

Deshalb ist eine andere Aussage Jesu so wichtig: „All das aber ist der Anfang der Wehen“ (Vers 8): Hier wehrt Jesus die innerweltliche Gleichsetzung von irgendetwas mit dem Ende der ganzen Welt ab! Wenn dieser Satz aus dem Jahr 30 stammt und er auf die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 bezogen werden kann, leben wir im Jahr 2016 also schon 1946 Jahre lang in der Wirklichkeit der „Wehen“, der Vorbereitung eines kommenden Endes!

 

Und schließlich: „[...] dann aber wird das Ende kommen“ (Vers 14): Hier müssen wir genau hinsehen. Jesus hat Aramäisch gesprochen. Dort meint der Begriff קץת vor allem „Abbruch“, also das Ende aller irdischen Erfahrungen, aller kosmischen Wirklichkeiten und vielleicht einen totalen Neuanfang. Der Evangelist Matthäus hat in griechischer Sprache geschrieben und den Begriff τελος verwendet. Der meint vor allem „Ziel“, also die Summe allen Guten und Wichtigen unserer irdischen, unserer kosmischen Geschichte, von der aus nun der Sprung in das Neue möglich werden wird.

 

Der Abbruch ist wie eine Klippe, von der es in eine völlig andere Wirklichkeit gehen wird, in eine neue Dimension, wohl besser: in eine Vielfalt von neuen Dimensionen!

 

Das Ende als Ziel meint eine Art Zusammenfassung unseres Lebens, unserer Wirklichkeit, bei der alles Unwichtige und Vorläufige zurückbleiben wird und das Wesentliche und Wichtige erhalten, bewahrt bleiben wird – zum Wechsel in die neue Welt.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Gibt es Hinweise darauf, was dieses Wesentliche und Wichtige sein könnte? Einen Gedankengang möchte ich aufgreifen, einen ganz schwierigen:

 

„Dann werden sie euch der Bedrängnis überantworten und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. [...] Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig“ (Verse 9.13).

 

Vor kurzem habe ich an einer Kultur- und Wanderreise in Israel teilgenommen. Am 18. November sind wir durch Jerusalem gegangen und über den Bereich des koptischen Klosters und dann der äthiopischen Kirche in die Grabeskirche, in die Auferstehungskirche gekommen. An der Außenwand des koptischen Klosters hängt das Plakat, das ich Euch mitgebracht habe:

Rechts oben ist eine Szene aus einem Video des „Islamischen Staates“ über eine Hinrichtungsaktion abgedruckt, bei der Christen, und zwar ägyptische, koptische Christen, in Libyen ermordet wurden. Die Hinrichtungskandidaten in orangenen Anzügen. Hinter jedem ein IS-Kämpfer.

 

Darunter ist dieses wirkliche Szene aus unseren Tagen eingetragen in die Leidensgeschichte Jesu Christi: Christus unter dem Kreuz im orangenen Hinrichtungsanzug, ihm folgend der Hinrichtungszug in Libyen.

 

Links oben wird diese Bilddeutung in Worte gefasst: „Helden des christlichen Glauben. Die Märtyrer von Libyen“. Gedenken wir ihrer, indem wir uns die Zeit nehmen, ihre Namen vor Gott zu nennen und dabei auch  an die Menschen zu denken, die uns persönlich wichtig sind:

 

Milad Makeen Abiya,

Abarum Ayad Allya,

Maged Soliman Shehata,

Youssef Shidery Yorouan,

Kirollos Bostra Fawzy,

Bishoy Astafanous Kamel,

Samuel Astafanous Kamel,

Malak Ibrahim Sinyout,

Tawdros Youssef Tawadros,

Gerges Milad Sinyord,

Mina Fayez Aziz,

Hany Abdel Mesih Salib,

Samuel Alham Wilson,

Ezzat Bostra Nasseef,

Luka Negaty Anis,

Geber Monmir Adly,

Esam Badir Samir,

Malak Farag Abrahim,

Sameh Salah Farouk,

Gerges Samir Megally,

Mathew Ayairga.

 

Menschen wie diesen gilt die Verheißung: „sie werden selig!“ Denken wir an die vielen kleinen Möglichkeiten, in denen wir den Glauben bewahren konnten und werden bewahren können. Dann gilt auch uns diese Verheißung: „wir werden selig!“

 

Das wirklich Göttliche ist also der Hinweis darauf, dass es ein irdisches Ende und danach eine überirdische Wirklichkeit bei Gott geben wird, ja, ich muss als Mensch des 21. Jahrhunderts das so sagen: dass es ein kosmisches Ende und danach eine überkosmische Wirklichkeit bei Gott geben wird.

 

Diese Wirklichkeit wird in unserem Text nicht angedeutet. Da gibt es andere Texte in der Bibel, die auch irdische Erfahrungen nutzen, aber mit ihrer Hilfe eine Aussage über das Jenseits versuchen:

 

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde [...].

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen [...].

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: [...] und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Offb 21,1.2.3.4).

Amen.

Internetpredigt unseres Generalsekretärs i.R. Dr. Rainer Stahl vom 18. September 2016 zum 17. Sonntag nach Trinitatis für den Gottesdienst in der Erlöserkirche in Erlangen

Text: Römer 10,9-18

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit Euch allen!“

 

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Anfang Juli war ich im Seniorenkreis Eurer Gemeinde und habe über den Martin-Luther-Bund berichtet. Er hat seine Zentrale hier in Erlangen. Ich habe 18 Jahre lang als Generalsekretär für ihn gearbeitet. Nun, im Ruhestand, habe ich endlich auch Verbindung zu Eurer Gemeinde gefunden. An jenem Nachmittag habe ich den bei Euch ehrenamtlich aktiven Herrn Stahl – wir sind Namensvettern, aber nicht miteinander verwandt – gebeten, mir Eure schöne Kirche zu zeigen. Spontan hat mich der Stein beeindruckt, aus dem der Altar Eurer Kirche und auch diese Kanzel gearbeitet sind. Steine sind besonders haltbar und vermitteln durch Maserung, durch kristalline Einschlüsse, durch die Oberflächenstruktur besondere Botschaften über ihre Entstehung und ihre Prägung durch Kräfte von außen und von innen.

 

Beim Bergwandern im Urlaub in den Stubaier Alpen sind mir wieder zwei Phänomene aufgefallen: Steinblöcke mit vielen kleinen kreisrunden rötlichen Einschlüssen – also mit

eingeschlossenen Granaten, Halbedelsteinen, die sich beim Erkalten der Steinblöcke gebildet haben. Wie kleine Schatztruhen können solche Blöcke aussehen! Und Steinblöcke mit Abschleifungen, bewirkt durch das Eis von großen Gletschern während der Eiszeit und die von diesem Eis transportierten und bewegten kleineren Steine. Richtig tief eingedrückte Rillen geben den Blöcken Struktur!

 

Ähnliche Blöcke sollen auch wir sein: mit Edelsteinen und Halbedelsteinen, die sich in unserem Leben herauskristallisiert haben, mit Furchen und Mustern – als Hinweise auf das, was uns von außen beeinflusst hat und uns wichtig geworden ist. Gerade bei uns Älteren, aber auch bei jungen Menschen, kann da sicher vieles genannt werden: Was sich geprägt und geformt hat, was herausgebildete Schätze darstellt.

 

Der Apostel Paulus benennt in unserem Predigtabschnitt einen Edelstein, ein Muster, das unser Leben prägt, das uns innere Gewissheit und Identität gibt und das wir nicht verheimlichen sondern immer wieder anderen mitteilen sollen:

 

Uns zeichnen sicher viele Edelsteine aus. Aber einer ist besonders wichtig: Dass wir im Herzen glauben, dass Gott Christus von den Toten auferweckt hat.

Und wir strahlen viele Lebensweisheiten und Entscheidungen aus. Aber eine ist besonders entscheidend: Dass wir diesen Glauben unseres Herzens nach außen bekennen, ihn anderen weitersagen oder ihn durch unsere Haltung angesichts von Leid und Tod zur Darstellung bringen.

 

Auch wenn Paulus geschrieben hat, „denn, wenn du mit dem Mund bekennst, führt dies in die Rettung“, hätte er doch auch gelten lassen, dass Menschen diesen Glauben leben, ohne von ihm wortreich zu reden.

 

Aber: Meine Aufgabe als Pfarrer ist es, diese Wahrheit mit meinem Mund zu bekennen. Das will ich heute in einer verfremdeten und verfremdenden Weise tun:

 

Im Oktober vorigen Jahres war ich in Russland, in unserer evangelisch-lutherischen Gemeinde in Wladiwostok, also ganz im Osten – „Wladiwostok“ heißt: „Macht über den Osten“ – am Japanischen Meer. Auf der Heimreise habe ich mir auf dem Flughafen Scheremetjewo in Moskau eine Mappe mit nachgedruckten Leninplakaten der sowjetischen Zeit gekauft. So etwas wird auch heute nachgedruckt und findet seine Käufer. Mich interessiert dies nur aus geschichtlichem und künstlerischem Interesse, weil die Plakate zum Teil künstlerisch hochinteressant waren.

 

Ein Plakat hat wieder ganz deutlich gemacht, warum in der Sowjetunion die Kirche unterdrückt und verfolgt wurde: Weil der sowjetische Kommunismus eine Art Gegenreligion gewesen ist! Was fiel mir da auf?

 

Zuerst bildete ein Plakat ab, was ich erwarten würde, ein Plakat aus dem Jahr 1924 mit folgendem Text:

„23 АПР. 1870 РОДИЛСЯ – УМЕР 21 ЯНВ. 1924  

ОН ЖИВЕТ НАШИХ СЕРДЦАХ!“

„23 Aprjel 1870 rodilsja – umer 21 Janwar 1924  

On schiwjot naschich serdzach!“

„23. April 1870 geboren – gestorben 21. Januar 1924  

Er lebt in unseren Herzen!

(von einem Pawel Ljubarskij).

 

Aber eines – meiner Meinung nach künstlerisch hervorragend gestaltet – zeigt Lenin als Denkmal auf einem Sockel, angestrahlt von Scheinwerfern, davor zwei gesenkte Fahnen. Dieses Plakat war aus dem Jahr 1925 und hatte folgenden Text:

„ВЕЗДЕ, ВСЕГДА, БЕЗРАЗДЕЛЬНО С НАМИ“

„Wezdjé, wsjegdá, bjezrazdjélno s nami“

„Überall, immer, unteilbar/ungeteilt mit uns“

„ЛЕНИН!“

„Lenin“

„Lenin!“.

 

Mit diesem Plakat ist auf alle Fälle eine Qualität Christi auf Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt: Lenin, übertragen: „БЕЗРАЗДЕЛЬНО“

„bjezrazdjélno“

„unteilbar/ungeteilt“.

 

Nämlich – so höre ich das – sowohl: „Gott von Gott, Licht vom Licht“, als auch: „ist Mensch geworden“, wie wir im nizänischen Glaubensbekenntnis bekennen. Aber auch

„ВЕЗДЕ, ВСЕГДА“

„Wezdjé, wsjegdá“

„Überall, immer“ – sind Qualitäten Gottes und nimmt auf, was der auferstandene Christus über sich gesagt hat: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20)!

 

Eigentlich und wirklich sind das also Wahrheiten, die wir als Christen über Christus glauben und zur Sprache bringen:

„ВЕЗДЕ, ВСЕГДА, БЕЗРАЗДЕЛЬНО С НАМИ“

„Wezdjé, wsjegdá, bjezrazdjélno s nami“

„Überall, immer, unteilbar/ungeteilt mit uns“

nicht „ЛЕНИН!“ („Lenin“) – „Lenin!“,

sondern „Христос!“ („Christós“) – „Christus!“.

 

Gehen wir mit dieser Überzeugung bestärkt in die heute beginnende Woche. Diese Überzeugung verwirklicht, was es heißt, im Herzen zu glauben, dass Gott Christus von den Toten auferweckt hat, und sie hilft, den Alltag von diesem Glauben her zu bewältigen und zu meistern:

 

„Überall, immer, unteilbar/ungeteilt mit uns – Christus!“

Amen.

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus,

unserem Herrn!“

Internetpredigt unseres Generalsekretärs i.R. Dr. Rainer Stahl vom 14. August 2016 zum 12. Sonntag nach Trinitatis für den Gottesdienst in Möhrendorf bei Erlangen

Text: Apostelgeschichte 9,1-20

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!“

 

Liebe Leserin und lieber Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Als ich mich diesem – vielen so bekannten – Text aussetzte, fiel mir ein, dass ich vor vielen Jahren – 1981 war das – meine Prüfungskatechese zu ihm zu halten hatte. Leider habe ich diese Arbeit nicht mehr gefunden, habe also auch die Bewertung durch den Verantwortlichen für Katechetenausbildung in der damaligen Thüringer Landeskirche nicht mehr.

Eine Sache ist mir wieder eingefallen: Wirklich zufrieden war jener Kollege mit meiner Katechese nicht. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich seiner Meinung nach die Kinder in der Gruppe nicht gut genug an der Erarbeitung der Erkenntnisse aus dieser Geschichte beteiligt. Ich hatte sie eingeladen, mit Hilfe einer Zeichnung darzustellen, worum es in dieser Handlung geht, dann aber die geistliche Erkenntnis selber formuliert und beigebracht.

Aber einer in der Gruppe hat zum Abschluss mir gegenüber gemeint, dass es doch so schlecht gar nicht gewesen sei und sie gut hätten dabei mitarbeiten können...

 

Also müsste ich jetzt – so meine Lektion, die ich damals lernen musste – Euch nach Euren Eindrücken fragen, nach Eurem Vorwissen, danach, was Euch beim Hören neu und überraschend vorkam, nach Euren Fragen.

Aber, in dieser Situation „Gottesdienst“ und mit der Verpflichtung zur „Predigt“ – sowie zusätzlich mit der Aufgabe, eine schriftliche Fassung dieser Predigt für ein Internetportal zur Verfügung zu stellen – geht das Fragen und Beteiligen doch gar nicht. Jetzt muss ich mir meine eigenen Gedanken gemacht haben und wirklich aussprechen, was nach meiner geistlichen Einsicht die Botschaft dieser biblischen Geschichte heute und für uns sein mag, ja: ist.

Ihr habt ein Anrecht darauf, dass ich mir erarbeitet habe und mich entschieden habe, was die Botschaft dieser Geschichte ist!

 

Denn nur entsprechend dieser Dimension wird mein Text zu einer „Predigt“!

Eine erste und verständliche Reaktion könnte sein: Gar keine Botschaft. Denn wir alle sind nicht Saulus / Paulus. Wir haben Christinnen und Christen in der Regel noch nie verfolgt. Und wir sind jedenfalls in dieser entschiedenen Weise nicht in Dienst genommen, wie Saulus in Dienst genommen wurde.

 

Also: Musste Christus irgendeiner Person von uns jemals fragen (jetzt ganz persönlich gewendet): „Rainer, Rainer, warum verfolgst du mich“ (Vers 4)?

Und hat man uns schon so entschieden gesagt, was „uns zu tun gebührt“ (Vers 6) und was „wir für seinen Namen leiden müssen“ (Vers 9)?

 

Menschen wie ich, die sich für einen hauptamtlichen Beruf in der Kirche entscheiden, finden sich in einem bis ins Kleinste durchorganisierten System wieder, das beinahe alle Eventualitäten vorhersieht. Trotzdem kann es zu Konflikten und Leiderfahrungen gerade in der Kirche kommen.

Mal aus meinem Blickwinkel als Pfarrer: Die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen ist nicht immer leicht, weil da zum Beispiel die Erwartung der besonderen Würdigung neuer Ideen und Initiativen in eine Dauerbelastung für die Pfarrerin, den Pfarrer umschlagen kann, die für den Alltag Verantwortung haben.

Die Beziehung zu Kolleginnen und Kollegen kann kippen, wenn sich der Eindruck aufstaut, dass die eigene Hilfsbereitschaft ausgenutzt wird, oder wenn man in eine Konkurrenzsituation hineinschlittert, die eskaliert.

 

Die Einordnung in die Strukturen der Kirche wird Belastungen ausgesetzt, wenn diese Strukturen immer wieder verändert werden – also der Seelsorgebezirk zum Beispiel etappenweise vergrößert wird und die Angst zunimmt, den Anforderungen nicht mehr genügen zu können.

 

Ich kann und will in dieser Predigt keine Reformvorschläge machen. Aber von unserem Bibeltext her denke ich, dass ich einen Gedanken einbringen muss: Leid auf Grund dieser und ähnlicher Herausforderungen können wir als Christinnen und Christen als unsere konkrete Form „des Leidens um Christi Namen willen“ verstehen (Vers 16).

Und das kann, ja: das wird in unseren Augen ungerechtes Leiden sein.

Natürlich bleibt die Aufgabe, sich für das eigene Recht einzusetzen, um die Veränderung der Verhältnisse zu ringen. Aber doch wird uns eine ganz große Hilfe angeboten: Mein Leiden, das ich empfinde, besteht um Christi willen, ist eigenes Tragen der mir im Moment auferlegten Form des Kreuzes Christi! – Ist diese Erkenntnis nicht schon viel? Das ist die erste Botschaft, die mir aufgetragen ist.

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass der ganz persönliche Effekt des christlichen Glaubens – ja, ich darf sagen: „Effekt“ – die Lösung von der Fixiertheit auf mich ist.

 

Auch als Christin und Christ darf ich mich für mich selbst einsetzen, Unrecht gegen mich abwehren. Aber ich darf – ja, ich sage: „darf“ – mich befreit wissen von der Exekution eigener Interessen und Gerechtigkeitshoffnungen.

 

Genau dafür ist in unserer Geschichte eine Beispielfigur enthalten, die uns vor Augen gehalten wird. Und von ihr her ergibt sich die zweite Botschaft, die mir aufgetragen ist, Euch zu übermitteln: Es ist Ananias:

 

Der steht für die treuen Gemeindeglieder, die in schwieriger Lage durchgehalten haben, für die „Schüler“, die „Jünger des Herrn“, für diejenigen, die „auf dem neuen Weg sind – Männer und Frauen“ (Vers 1). Er reagiert, wie wir alle reagieren würden und benennt die Argumente, die gegen Saulus / Paulus sprechen: „Herr, ich habe viel über diesen Mann gehört, der deinen Heiligen Böses getan hat“ (Vers 13). Dann aber lässt er sich vom auferstandenen Christus überwinden und gehorcht dessen Auftrag: „Geh, denn mein ausgewähltes Werkzeug ist dieser, hinauszutragen meinen Namen“ (Vers 15).

 

Wenn wir Christinnen und Christen sein wollen, wenn wir Frauen und Männer des „neuen Weges“ sein wollen, dann müssen wir für unseren Teil zu der uns eigenen Art „Ananias“ werden:

 

Was aus unserem Blick gegen eine Person spricht, was wir als durch sie erfahrene Verletzungen benennen würden, also beiseitelassen und deren Beitrag für die Gemeinde und die Kirche wahrnehmen und anerkennen.

Das heißt nicht, dass wir Freunde werden müssen, dass wir dauernd in Kontakt bleiben müssen – meines Wissens berichtet die Bibel auch nicht über eine Zusammenarbeit von Paulus und Ananias in den kommenden Jahren –, aber das heißt, dass wir den anderen, die andere als eigenständiges Werkzeug Christi gelten lassen.

 

Und den Glauben bewahren, dass Christus mit uns beiden – ihr, beziehungsweise ihm und mir – für seine Ziele Gutes bewirkt.

Amen.

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus,

unserem Herrn!“

Predigt unseres Generalsekretärs i.R. Dr. Rainer Stahl vom 07. August 2016 in Erlangen

Text: Epheser 2,4-10

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!“

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Unser Predigtabschnitt aus dem Epheserbrief stellt unsere Füße auf weiten Grund. Er führt uns über alle unsere Erwartungen und Sehnsüchte hinaus in eine ungeahnte Wirklichkeit.

 

Er sagt: Dass uns Gott in Christus mitlebendig gemacht, uns mit ihm mitauferweckt und uns mit ihm miteingesetzt habe in den Kreis der Himmlischen!

 

Lassen sich unsere normalen Sehnsüchte in diese Worte fassen? Erkennt jemand von Euch in ihnen ihr oder sein innerstes Sehnen und Hoffen?

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Wir sind dankbar für erholsame, erlebnisreiche und unfallfreie Urlaubstage. Wir sind glücklich über gelingende Partnerschaft und Freundschaft. Wir staunen über Gesundheit und Wohlergehen. Aber eine Gleichgestaltung mit dem auferstandenen Gekreuzigten, wie es diese drei Begriffe zum Ausdruck bringen: Kommt die uns in den Sinn? Hat die mit den Sorgen und Fragen unseres Alltags zu tun?

 

Gehen wir doch diesen drei Begriffen etwas nach:

mitlebendig gemacht,

mitauferweckt,

miteingesetzt in himmlische Macht.

 

Zum richtigen Verstehen ist die Geschichte mit der Auferweckung des Lazarus wichtig. Johannes berichtet in seinem Evangelium, dass nach dieser Auferweckung gesellschaftlich Verantwortliche beschlossen hätten, den auferweckten Lazarus töten zu lassen (Johannes 12,10).

 

Jene erschreckende Notiz wird leider nie vorgelesen, wenn diese Passage im Gottesdienst als Evangeliumstext gelesen wird. Sie ist aber meiner Meinung nach ganz entscheidend: Sie hält fest, dass Lazarus in ein Leben in unserer Welt auferweckt wurde, in ein Leben, wie es unseres ist, schön, voller Glück und Erfüllung, mit vielen Höhepunkten – aber gefährdet durch Leid und Krankheit, letztlich begrenzt durch den Tod. Für Lazarus galt also auch, was viele von uns schon ähnlich durchgemacht haben: nach einem Unfall, nach einer Herzerkrankung, nachdem sie durch eine harte Therapie eine neue Lebenschance bekommen haben – aber dann doch weiterhin vom Tod begrenzt zu sein.

 

Über den auferweckten Jesus Christus gibt es einen ähnlichen Tötungsbeschluss nicht. Er ist in ein Leben hinein auferweckt worden, das sich fundamental von dem unsrigen unterscheidet, nicht mit ihm vergleichbar ist, für das uns Worte fehlen – in allen Sprachen übrigens.

 

Dazu fällt mir etwas Wichtiges ein. Wer will, schlage einmal mit mir die Seiten 1150 und 1151 in unserem Gesangbuch auf. Dort stehen unsere beiden Glaubensbekenntnisse:

Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel sagt: „Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift.“

Das Apostolische Glaubensbekenntnis sagt noch deutlicher: „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten.“

 

Es ist ganz wichtig, dass das Gestorbensein Jesu festgehalten wird. Aus diesem Gestorbensein ist er wirklich auferweckt worden in die Welt Gottes!

 

Und in ein solches Auferweckt-worden-Sein sollen wir schon jetzt mitgenommen sein?

 

Der siebenbürgische Siegfried Schullerus und seine Frau Christl Servatius Schullerus haben diese Wahrheit in ein wunderbares Bild gekleidet, wie sie selbst sagen: „verdichtet“:

 

„Während ich die abgetretenen Stufen hinaufstieg, dachte ich: Wieviel mal noch? Die Beiden hatten nie gewollt. Sie waren hier alt geworden. Doch eines Tages sagten sie: ‚Es muss sein.‘ Und alles, was bis dahin so fest schien, geriet in Bewegung.

Im Vorraum sah ich die großen Kisten aus frisch gesägtem Holz.

Sie erinnerten an Särge. Ich klopfte an und trat in das vertraute Zimmer ein. Es war nicht mehr dasselbe.

Sie saßen vor dem Ofen und lächelten mit feuchten Augen.

‚Was tut ihr da?‘ Sie gestanden. Das Lächeln und dieses Andere in den Augen war nun auch auf meiner Seite.

Zwischen ihnen stand eine Schachtel: die aufbewahrten Liebesbriefe. Er hatte seine vorgelesen. Sie hatte ihre vorgelesen. Sie hatten sich ein vorletztes Mal an ihnen erwärmt. Dann hatten sie beide in den Ofen gelegt, wo sie verbrannten – und so weiter...

Wir standen nun im leeren Raum und ließen uns von der brennenden Liebe wärmen...

Als ich später die alten Stufen wieder herunterstieg, blieb das Lächeln: Dort oben brennt die Liebe weiter.“

(Christl Servatius Schullerus und Siegfried Schullerus: Verdichtetes, Hermannstadt 2001, S. 34).

 

An dieser Predigt habe ich über eine lange Zeit gearbeitet. Immer wieder hatte ich das Gefühl, das etwas unzureichend ist. Und am Samstag vor einer Woche, am 30. Juli, ist mir beim Bergwandern aus heiterem Himmel die Lösung bewusst geworden: Unsere christliche Auferstehungshoffnung ist immer eine Hoffnung auf Leben jenseits des Sterbens; nie eine Hoffnung auf Leben ohne vorheriges Sterben.

 

Deshalb ist der Hinweis im Glaubensbekenntnis so wichtig, dass Christus „gestorben ist und begraben wurde“.

Genauso bringt es diese siebenbürgisch-sächsische Geschichte zum Ausdruck: Das alte Ehepaar ist zu einem Stück Sterben bereit. Sie verbrennen ihre alten Liebesbriefe. Sie heben sie nicht auf! So und nur so ist ihnen Leben verheißen.

 

Und das gilt uns allen: Wenn wir bereit sind, etwas zu verlieren, auf etwas zu verzichten, etwas abzuschließen – dann wird Neues kommen, nämlich Auferweckung aus einer Art von Sterben heraus. – Dies schon jetzt in unserem Leben hier.

 

Und das gilt endgültig: Wenn wir sterben, ist uns durch den Tod hindurch neues Leben verheißen – eine Auferweckung in ungeahnte Herrlichkeit hinein!

Amen.

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus,

unserem Herrn!“